Changing Gears


Langsam merke ich wie der Schmerz langsam von meinen Armen in den Rücken zieht.
“Wer sein Rad liebt, der schiebt!” brülle ich, wie von allen Sinnen verlassen in den Wald, doch der bleibt stumm. “Komm schon”, knurrt Jona und schiebt verbissen sein Rad an mir vorbei. “Ist ja nicht mehr weit” – höhnisch lache ich auf: “Das hast du schon vor einer Stunde gesagt”. Im letzten Moment besinne ich mich aber dann doch eines Besseren, meinen Frust an Jona auszulassen wäre jetzt auch nicht fair. Ganz lassen, kann ich es aber dann auch nicht und zische noch leise bevor er außer Hörweite ist: ”Das hier war ja auch deine bescheuerte Idee!”. Dann schleife ich mühsam mein voll beladenes Tourenrad weiter den steilen Weg hinauf.

Die Wahrheit ist, es war unsere gemeinsame Idee. Vor ein paar Monaten waren wir mit unseren Rädern im Norden Kanadas gestartet. Die Idee war, den ganzen Weg bis nach Südamerika mit dem Rad zu bewältigen. Einen festen Plan hatten wir jedoch nicht so wirklich und nach einigen Wochen auf den weiten, endlos-langen Straßen in Alaska und Kanada, stellten wir fest, dass es uns irgendwie langweilte. Das ewige Geradeaus, der nervige Verkehr, das monotone Surren unserer Fahrradreifen auf dem immer grauen Asphalt. Wir brauchten etwas Anderes: mehr Ungewissheit, mehr Abenteuer und eine größere Herausforderung als die Zeit von einem schlechten Tankstellen-Kaffee zum Nächsten zu überbrücken.

Great Divide Mountain Bike Route

Die “Great Divide Mountain Bike Route” kam da genau richtig. Die Strecke startet in den Rocky Mountains bei Banff in Kanada und geht von da aus einmal quer durch die USA bis nach Mexiko und dass ausschließlich auf kleinen Schotterstraßen, Waldwegen und Singletrails. Es klang genau nach dem, was wir suchten und sogar nach noch einem bisschen mehr. Der Fakt, dass die meisten Radfahrer diese Strecke eher mit sehr minimalistischem Gepäck und Mountainbikes, bestückt mit teuren Federgabeln antreten, schreckte uns nicht davon ab es auf unseren voll beladen Rädern zu probieren. Schließlich kam es nicht auf das Fahrrad an, sondern auf den Fahrer.

 

Noch so ein blöder Spruch, denke ich mir. Immer wieder stoße ich mit meinen Beinen beim Schieben gegen meine Fahrradtaschen. Es nervt, dieser Berg nervt, das Fahrrad nervt und überhaupt. Doch gute 30 Minuten später ist der schmerzlich herbeigesehnte Pass dann doch endlich erreicht. Erschöpft lasse ich mich neben mein Fahrrad fallen und blicke in die Ferne. Schön, denke ich, wenn man es dann endlich geschafft hat. Jona lacht als er meinen zufriedenen Gesichtsausdruck bemerkt: ”Na, wie fühlst du dich jetzt?” – Ich schmunzle: “Ganz gut” und ich muss mir eingestehen, dass mein Ärger plötzlich verflogen ist, auch wenn ich den Kampf zwischen mir, dem Fahrrad und dem Berg noch deutlich in meinen Knochen spüre.

An diesem Abend liege ich in meinem Schlafsack und starre an die gelbe, mit toten Mücken befleckte Zeltdecke und gehe gedanklich durch meine Sachen. Vier Paar Socken? Braucht man die eigentlich oder kann man auch mit nur zwei Paar auskommen? In den darauffolgenden Stunden, eliminiere ich so mindestens die Hälfte meines ganzen Besitzes und schwöre mir, kurz bevor ich wegnicke bei der nächsten Gelegenheit meinen Plan in Tat umzusetzen. Da jede noch so winzige Kleinstadt in den USA mindestens einen sogenannten Thrift- oder auch Secondhand Laden besitzt, dauert es nicht lange, bis ich mit einem leicht mulmigen Bauchgefühl mein aussortiertes Hab-und-Gut zurücklassen kann. Der wenige Luxus den ich mir bisher auf dieser Reise gegönnt hatte, war nun auch verschwunden. Nur der Trost blieb, nun ein um einiges leichteres Fahrrad zu haben.

Wildnis, Einsamkeit und Stille

Obwohl der ‘Great Divide’ in den fast zwei Monaten die wir brauchen, uns immer wieder an die Grenze unserer Kräfte und Ausdauer bringt, überwiegt das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein. Straßen sind für uns keine Option mehr. Es ist dieses Gefühl, die Welt da draußen fast für sich alleine zu haben. Kein Verkehr, kein Dreck, kein Lärm. Stattdessen Wildnis, Einsamkeit und Stille. Es ist so, als hätten wir unsere Reise neu entdeckt. Die tägliche Distanz, die wir auf unseren Rädern zurücklegen und die wir vorher fast akribisch dokumentierten, hat plötzlich keine Relevanz mehr. Es ist als würden wir nicht mehr der Länge nach das Land erkunden, sondern stattdessen in die Tiefe gehen.

 

“Und meinst du, wir würden wirklich eine Federgabel benötigen” erkundige ich mich bei Jona einige Wochen später, während wir im Schatten eines hageren Baumes Mittagspause machen. Wir sind in New Mexiko angekommen, dem letzten Staat in den USA auf unserer Strecke. Und irgendwie ist mit dieser Frage unser Entschluss gefasst.

Die nächsten vier Wochen lang, ruhen unsere Beine, aber dafür rauchen unsere Köpfe.
Der Umstieg vom klassischen Touring Rad auf ein Bikepacking Setup ist nicht die einfachste Angelegenheit. Zweifel sind definitiv in diesen vier Wochen unsere ständigen Begleiter. Wir verbringen Nächte damit, im Internet verschiedene Varianten zu recherchieren, Produkte zu vergleichen und verschiedene Möglichkeiten zu betrachten, um am Ende die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Biketouring versus Bikepacking

Schweren Herzens verkaufen wir schließlich unsere Räder und investieren stattdessen in zwei Mountainbikes. Auch unsere Radtaschen und schweren Gepäckträger müssen in diesem Monat weichen und werden gegen Rahmentaschen & Co ausgewechselt.

Doch unsere harte Arbeit wird entlohnt und als wir endlich mit unserem neuen Bikepacking-Setup, entlang des ‘Baja Divide’ über die Grenze zu Mexico rollen, weinen wir unserem alten Leben keine Träne nach.

Mittlerweile ist Bikepacking ein regelrechter Trend geworden und wie das mit Trends so ist, scheiden sich in den zahlreichen Foren und Facebook-Gruppen die Geister über die neue Art des Radreisens. Wir finden jedoch, dass es mehr als nur ein Trend ist, es fühlt sich eher an wie eine längst überfällige Evolution. Denn endlich bestimmt nicht mehr die Richtung der Straße allein wohin die Reise geht, sondern ein bisschen mehr man selbst.

Written by Franzi from Tales on Tyres

 

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