Die Komfortzone verlassen, Transzendenz kultivieren.

Silk Mountain Race

„Carlos, wofür machen wir das eigentlich?“, rufe ich Carlos zu, während ich mit gefrorenen Gliedmaßen versuche, einer uns verfolgende Schneefront davonzufahren. „Na weil es hier so schön ist“, erwidert Carlos. „Ich habe kein Auge mehr für diese Schönheit!“
Jedes Mal aufs Neue stellt sich die Frage, wie man sich auf ein solches Unterfangen vorbereiten soll. Und jedes Mal haben wir unsere Theorien und fantasieren darüber, dass es schon nicht so schlimm werden wird. Nach der Teilnahme an der Japanese Odyssey in 2016 hatten wir das Gefühl, wir wüssten was auf uns zukommt. Mit diesem Gefühl im Bauch, reisten wir nach Kirgisistan, um uns auf das Silk Mountain Race vorzubereiten. Ein paar Tage mit einem SUV in den Bergen sollten uns helfen, später mit den Höhenmetern besser klarzukommen. Wo wir herkommen, gibt es einfach keine Berge. Und wir kennen es auch nicht, wenn die Luft dünn wird.
Wir fühlten uns gut vorbereitet, als wir an den Start rollten und 1750km und 26000hm auf unbefestigten Wegen und ohne erlaubte Hilfe von Anderen vor uns lagen.

Zu wenige rote Blutkörperchen

Wir hatten eine eher pragmatische Herangehensweise, die Route einzuteilen. 1750km geteilt durch 11 Tage, ergeben also ca. 160km am Tag. Dass das so nicht funktioniert, in einem Land, dessen Geografie nur aus Schotter, Waschbrettpisten und alpinem Gelände besteht, merkten wir schon an Tag eins.
An Tag 1 ging es Richtung Kegety Pass, dessen Gipfel auf 3800hm lag. Genau so naiv und arrogant wie wir unsere Übersetzung gewählt haben, war auch unsere Erwartung an das Wetter in den Bergen. Innerhalb von Minuten wurde aus strahlendem Sonnenschein ein ausgewachsenes Gewitter. Während eine Handvoll Fahrer den Pass noch am ersten Tag, trotz Schneesturm, überquert haben, schlugen wir unser Lager auf 2800hm auf, um das Unwetter und die Nacht abzuwarten.
Der Himmel und Kopf einigermaßen klar, brachen wir nächsten Morgen um 5 Uhr auf, um den Pass zu überqueren. Carlos Ärztin hatte ihm schon im Vorfeld mit auf den Weg gegeben, dass er wenige rote Blutkörperchen hat und ihm die Höhe zu schaffen machen könnte. Das wurde von uns genau so gehandhabt wie das Wetter, die Übersetzung und die Komforttemperatur unseres Schlafsacks – „Wird schon!“
Nicht viel später fand ich Carlos auf dem Boden eingerollt wieder, mit der Bitte, ihn doch einfach zurückzulassen. Noch 400 Höhenmeter vor uns. Wir wussten was uns erwarten wird, weil wir hier mit dem Auto schon waren. Schmale, steile Straßen, Luft die für unsere Norddeutschen Lungen dünn wie Pergamentpapier ist und der erlösende Gipfel in einem endlosen Meer aus Steinen, so groß wie Gymnastikbälle. Die vielen Hasen, die sich als Steine entpuppten, brachten mich nicht nur zum Schmunzeln, sondern irgendwie auch den Gipfel hinauf. Ich wartete oben auf Carlos und wir schoben die letzten Meter zusammen über den höchsten Punkt.
Die Tatsache, es geschafft zu haben, ließ uns ein bisschen übermütig werden, was die Abfahrt
anging. Ich quälte mich durch ein Steinlabyrinth und versuchte mir nicht schon am zweiten Tag das
Schaltwerk abzureißen. Als ich hochblickte, sah ich wie Carlos 50 Meter vor mir auf einem schnellen Stück das Vorderrad wegrutschte und er links die Klippe herunterfiel. Fünf Meter fiel er, zehn das Fahrrad.

Fieberträume und betrunkene Kirgisen zu Pferde

Alles war in Ordnung, aber diese zwei Tage waren maßgebend für die Nächsten. Berge, Steine, Berge, Waschbrettpisten, schwindender Optimismus, reality Check, Berge. Unsere Laune wurde das negative Äquivalent des Höhenprofils. Doch wir machten unser Ding.
Aber als ich nach einer Nacht mit lebhaften Fieberträumen in einer Chinesischen Baustelle aufwachte, merkte ich, dass irgendwas anders war. Der erste Tag Asphalt lag vor uns.
Ich müsste mich freuen. Ich war schwer wie Blei und die Reifen auf der Straße fühlten sich an wie
Klettverschluss. Ich fühlte mich schwach und egal was wir an Nahrung in mich reinstopften, die Energie kam nicht zurück. Wir schleppten mich in die nächste Stadt, in der wir auf Rob Qurik und Chris Hall trafen. Zwei Engländer, die auf Grund eines technischen Defekts aufgeben mussten. Rob brachte uns auf die Idee, ich könnte ein Hitzschlag haben, weil es am Vortag so heiß war. Das klang für uns erst einmal plausibel, auch wenn ich keines der typischen Symptome eines Hitzschlags hatte. Wir hatten noch 70Km und reichlich Höhenmeter vor uns, bis zum Jurten-Camp des ersten Checkpoints. Gegen 15 Uhr brachen wir aus der Stadt auf, nur um ein paar Kilometer später wieder Pause zu machen, weil ich einfach nicht hinterherkam. Ibuprofen sollte das ändern
und das tat es. Angeschoben von der Hand Ibuprofens gingen die ersten 35 Kilometer recht schnell um, bis die Nacht hineinbrach wir vor einem Anstieg steil wie eine Wand standen. Hämisch fluchend schoben wir die nächsten vier Stunden gen Gipfel. Es war tiefe Nacht, Minusgerade und die Höhe machte uns wie immer zu schaffen.
Steif erreichten wir gegen Mitternacht den Gipfel und das Höhenprofil auf unseren Garmin versprach einen einfachen Weg zum Checkpoint. Die letzten 35 Kilometer durchs Niemandsland zum Checkpoint waren aber gespickt mit steilen, zehn Meter hohen Rampen, Sumpfgebiet und einer Begegnung mit drei betrunkenen Kirgisen auf einem Pferd, die uns nicht weiterfahren lassen wollten.
Nach ellenlanger Diskussion rissen wir uns aus der Unterhaltung los, um uns wenig später von einem 12-jährigem auf einem Pferd eingeholt in der nächsten Steigung wiederzufinden. Nach noch mehr Diskussion, konnten wir endlich weiter. Um 2.30 Uhr erreichten wir endlich den Checkpoint und fanden uns berührt in einem Bad von blinkenden Trackern. Es waren ca. 30 oder mehr Fahrer im Checkpoint. Wir hatten das Gefühl, wir wären wieder im Rennen.

Irgendwie bis in die nächste Stadt

Ich wachte nach fünf Stunden Schlaf in einer feuchten Jurte auf, geweckt von Carlos, der sich scheinbar noch nie besser fühlte und besorgt über mir stehend, auf mich herab blickte. Ich war komplett angeschwollen und nicht wirklich in der Lage mich zu bewegen. Ich lag größtenteils unbemerkt im der Speisejurte und versuchte meinen Kadaver zu regenerieren. Gehen war schon schwer genug, an fahren war gar nicht zu denken. Carlos und ich entschlossen uns schweren Herzens, heute nicht weiterzufahren und bis morgen zu warten, ob es mir dann besser ginge.
Wir schliefen in einer warmen Jurte, umgeben von netten Menschen, die sich teilweise aus den gleichen Gründen zum Pause machen und aus dem Rennen aussteigen entschieden haben.
Am nächsten Morgen formierten wir uns mit den Engländern Max und Justin und machten uns auf den Weg in die nächste Stadt. Max und Justin hatten beide mit ihrem Magen und den Effekten der Höhe zu kämpfen. Ich war vollgepumpt mit Schmerzmitteln, denn es gab nur ein Ziel: Naryn und dort mit Bier in meinen Geburtstag reinfeiern. Es lagen 150km glatter Asphalt vor uns, von denen wir die meiste Zeit im Windschatten von Max und Justin verbracht haben. Die beiden waren trotz ihrer rumorenden Mägen dreimal so fit wie wir, so dass wir irgendwann wieder unsere eigene Pace gefahren sind. Nach einem kurzen Unwetter und Sandsturm erreichten wir um 22 Uhr Naryn. Zur Belohnung gab es Pizza, eine Dusche und ein richtiges Bett.

Naryn oder auch Sh**-City

Was wir noch nicht ahnten war, dass wir die nächsten Tage an Bett gefesselt sein sollten und unser Hotel nur für die nötigsten Erledigungen verlassen würden. Wir alle haben uns unseren Magen verdorben und die Stadt bekam den Kosename „Shit-City“. Jeder Fahrer, der Rast in Naryn machte,
ging ins gleiche Lokal und hatte ab dem Tag mit seinem Magen zu kämpfen. In unserem Delirium
kontaktierten wir Rob Quirk, der sich in Bischkek, um den von seinem Magen niedergestreckten Chris Hall kümmerte und sich dazu entschied, sich in ein Taxi zu setzen und zu uns zustoßen. Kaum aus dem Taxi ausgestiegen, waren wir also ein Gruppetto aus fünf Leuten, die alle nicht wirklich gesund waren und machten uns auf den Weg, unserem Lagerkoller zu entfliehen. Die nächsten Tage wollten wir uns nicht mehr hetzen, das Land und die Leute genießen und versuchen uns ein bisschen zu regenerieren. Doch es kam uns so vor, als könnte man es sich in einem Land wir Kirgistan nicht einfach „einfach“ machen. Carlos und meine Tiefs gaben sich von Tag zu Tag die Klinke in die Hand. Den einen Tag streikte sein Körper, den anderen streikte mein Körper und so weiter. Unsere romantische Vorstellung vom Shortcuten und das Land genießen wurde in den
Momenten entzaubert, in denen man bei -7 Grad in seinem +7 Grad Schlafsack liegt und morgens von einem Rob Quirk mit den Worten „Wir müssen los, da kommt ein Schneesturm!“ geweckt wird, auf dessen Kopf seine Beanie steif gefroren ist.

Lief alles wie geplant

Rückblickend ist alles perfekt gelaufen. Wir sind an unsere Grenzen gekommen, haben unsere Komfortzone verlassen, konnten das Land und die Leute hautnah erleben, sind schlauer als vorher und haben neue Freunde gefunden. Die Tatsache, dass wir aus dem offiziellen Rennen aussteigen mussten, fühlt sich angesichts der ganzen Erfahrungen und Eindrücke nur bedingt wie eine Niederlage an. Schwer zu sagen, ob wir das Gleiche erlebt hätten, wenn ich nicht krank geworden wäre und wir unser Rennen weitergefahren wären.

 

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