Lass die Herausforderung herausfordernd sein: Der Dirty Reiver

The Dirty-Reiver

Letztes Wochenende fuhren wir gemeinsam mit den sieben anderen Team-Fahrern von der Bombtrack Bicycle Company nach England, um bei einem der größten Gravel-Grinding- Events in Europa dabei zu sein: Dem Dirty-Reiver.

Der Dirty-Reiver ist ein sogenanntes “Off road cycling challenge” und mit fast 1000 Teilnehmer gehört es zu einen der größten Events in diesem Format in Europa. Wer mitfahren will, kann zwischen zwei Strecken wählen: einer 200km langen Runde und der kleineren “Dirty One Thirty” (130 km). Beide haben es jedoch in sich, denn auf kleine Schotterstraßen und Waldwegen führen sie entlang der schottisch-englischen Grenze auch über den ein oder anderen Hügel rüber. Dabei geht es allerdings nicht darum, der oder die Schnellste zu sein, sondern: den ganzen Tag einfach nur Rad zufahren, neue Leute kennenzulernen und die Landschaft zu geniessen und vielleicht auch ein wenig darum, seine eigenen Grenzen auszutesten.

Der Wecker klingelt, eine Stunde zu früh. Jona neben mir murrt verschlafen und sucht vergeblich die Schlummertaste. Ich dagegen bin froh endlich aufzustehen, die letzte halbe Stunde hatte ich mich nur noch unruhig von einer Seite auf die andere gewälzt. Im Rest des Hauses ist es jedoch, zu unserer Verwunderung noch ganz ruhig. Wir bemerken unseren Irrtum erst, als unser noch müder Blick beim ersten Kaffee auf die kleine Küchenuhr fällt. Wir haben die Stunde Zeitumstellung total vergessen. Kurz überlegen wir wieder zurück unter die warme Bettdecke zu schlüpfen, aber entscheiden uns schließlich lieber für ein ausgiebiges Frühstück, denn heute liegt ein langer Tag vor uns.

Kurz darauf, taumeln auch die Anderen langsam in die Küche. In der nächsten halben Stunde verrichtet jeder, zwischen Frühstück und Kaffee noch die letzten Vorbereitungen bevor es dann daran geht die Fahrräder in den Bus zuladen. Endlich geht’s los.

Start am Kielder Schloss

Der Platz vor dem alten Kielder Schloss ist schon gut gefüllt als wir eintrudeln. Die Morgenluft ist zwar noch frisch, aber die Wetterprognose für den Tag sehr vielversprechend, die Stimmung dementsprechend gut. Mein Magen jedoch ist am grummeln, vielleicht weil drei Bananen, die grosse Schüssel Haferbrei und das Toast mit Ei zum Frühstück doch ein bisschen zu gut gemeint gewesen waren oder aber, weil sich so langsam ein bisschen die Aufregung in mir breit macht.

Das ist vielleicht der wichtigste Grundsatz, den man beherzigen sollte. Samstagnachmittags, sich mit ein paar Stunde Radfahren bei Laune zu halten ist einfach nicht dasselbe, wie wirklich ein ganzes Wochenende lang unterwegs gewesen zu sein.

Der Winter war kalt und nass bei uns in Norddeutschland gewesen und mein Fahrrad hatte in den letzten Monaten nur selten die Garage verlassen. Als ich mich vor ein paar Monaten zum ‘Dirty-Reiver angemeldet hatte, hatte ich das so nicht wirklich bedacht und nun fühlte ich mich irgendwie unvorbereitet für einen so langen Tag im Sattel. Zusätzlich war es das erste Mal, dass ich überhaupt an so einem sogenannten ‘Challenge’ teilnahm. Wenn ich Fahrrad fuhr, dann entweder zur Arbeit oder ich ging mit Sack-und-Pack in eher unwegsamem Gelände bikepacken. Mich einfach so in den Sattel zu schwingen um Kilometer für Kilometer auf einer Straße oder Schotterpiste zu fahren, das tat ich eher selten. Vorsichtshalber hatte ich mich deswegen auch nur für den kleineren 130km-Loop angemeldet.

Dabei wäre es auch geblieben, hätten nicht meine Mitfahrer mich am Abend zuvor gefragt, warum ich denn eigentlich nicht die große Runde fahren würde. Und ich? Ich hatte nicht wirklich eine Antwort gehabt. Keine jedenfalls die wirklich zufriedenstellend gewesen wäre oder berechtigt. Die Wahrheit war, ich war mir nicht sicher ob ich es mir zutraute, bevorzugte es also mich lieber für die sichere Variante zu entscheiden. “Jeder so wie er kann, die 130km werden auch nicht leicht werden’’ versuchte Jona mich zu beschwichtigen, doch es war schon zu spät, die Frage ließ mich nicht in Ruhe. Ich fühlte mich allerdings nicht von ihr unter Druck gesetzt sondern ermutigt. Warum eigentlich versuchte ich nicht die lange Strecke wie alle anderen im Team? Eine ‘Challenge’ war schließlich eine Herausforderung.

130 Kilometer oder doch 200 Kilometer versuchen

Und so stand ich nun da, mit Magengrummeln und mit meiner Startnummer für den Dirty-Reiver auf der noch die ‘130km’ prangten und dem komischen Gefühl dass ich es dabei nicht belassen wollte.
Der Anpfiff zum Start fällt kaum hörbar, träge setzt sich die Masse von fast 900 Radfahrern in Bewegung. Jona winkt mir noch ein letztes Mal zu und streckt seinen Daumen hoch, dann verschwindet sein schwarzes T-shirt in der Menge. Er weiß noch nichts von meinem Entschluß. Ich fahre los, langsam und gleichmäßig trete ich in die Pedale. “Bloss nicht zu schnell starten”- ermahne ich mich immer wieder – “Ich habe schliesslich den ganzen Tag Zeit.”
Ich bin komplett auf nur ein Ziel fokussiert: die 200km zu schaffen und das: egal wie. Ich versuche mich während den ersten Kilometern mental auf das vorzubereiten, was mir auf den Letzten vielleicht droht: unaushaltbare Schmerzen im Gesäßbereich, kräftezehrende Wadenkrämpfe, gnadenlose Erschöpfungserscheinungen oder auch blanke Verzweiflung. Es ist wahrscheinlich ein Segen, dass wenige Zeit später mein Fahrradcomputer unerwarteter Weise beschliesst mich im Stich zu lassen. Plötzlich kein Kilometerstand, keine Uhr, keine Höhenangaben mehr. Erst bin ich verärgert über den Verlust, stelle aber kurz darauf fest, dass es vielleicht gar nicht so blöd ist nicht zu wissen wie langsam die Zeit vergeht oder wie mühsam doch jeder einzelne Kilometer ist. Stattdessen genieße ich die Unwissenheit darüber und gebe mich der Illusion hin, dass sie mich wahrscheinlich vor negativen Gedanken und zu hohen Erwartungen letztendlich auch bewahrt.

Tatsächlich, die erste Station bei Kilometer 55 erreiche ich überraschend schnell, gönne mir allerdings nur eine kurze Pause. Fülle Wasser und meine Ration an Energieriegel auf, esse ein paar Schokoladenbrownies zu viel und starte die zweite Etappe. In meine Kopf die Strecke als Kreisdiagram, das erste Viertel rot markiert.

Doch es ist erst an der 100km Marke, dass ich wirklich realisiere: Ich kann es schaffen. Meine Beine sind noch überraschend frisch und auch noch kein anderes meiner Körperteile fällt mir unangenehm auf. Im Gegenteil, ich fühle mich richtig gut. Als ich schließlich die Kreuzung erreiche, an der es rechts zurück zum Kielder Schloss geht, fackel ich nicht lange und biege stattdessen links ab. “Jetzt gibt es wirklich kein zurück mehr!”- mache ich mir klar und trete mit voller Kraft vorwärts.

Die Komfortzone verlassen

Kurz nach halb acht dann endlich die Ziellinie. 12 Stunden im Sattel und ca. 3500 teilweise mühsam erklommende Höhenmeter liegen hinter mir, der Dirty-Reiver ist bezwungen. Paul, der Organisator des Events klopft mir bei der Einfahrt anerkennend auf die Schulter. Sowie jedem einzelnen Fahrer an diesem Tag, wie ich später erfahre. Ich halte Ausschau nach Jona und den Anderen, aber sie sind nirgendwo zusehen. Dabei müssten sie eigentlich schon vor ein Paar Stunden angekommen sein. Egal, denke ich und hole mir erstmal zur Feier des Tages ein Bier mit einem ordentlichen Teller Nudeln. Zufrieden setze ich mich an einen der langen Tische, als mich plötzlich Jona von hinten packt. “Ich kann es nicht glauben, du hast es wirklich gemacht.”- ich grinse Jona an “Ich wusste gar nicht dass ich solange Fahrradfahren kann!”.

Ich hatte mich unterschätzt und hätte ich es nicht gewagt die ganze Strecke zufahren, dann wäre ich wahrscheinlich immer noch in dem Glauben, ich würde sie nicht schaffen. Lange denke ich noch darüber nach als ich mich abends erschöpft in die weichen Kissen kuschel.
Was nehme ich mit, von dieser ‘Challenge’ des Dirty-Reiver? Was hat es mir gebracht einen ganzen Tag lang mit anderen 200km über abgelegene Schotterstraßen zu radeln? Definitiv mehr als nur eine schöne Erinnerung, stelle ich zufrieden fest. In Zukunft, werde ich mehr wagen, ausprobieren und versuchen, auch wenn ich vielleicht mal das Risiko eingehen mich dabei zu überschätzen, denn nur wer bereit ist sich herausfordern zu lassen, kann auch eine Herausforderung annehmen und dabei seine eigenen Grenze austesten.

Mehr zum the Dirty Reiver.

Written by Franzi from Tales on Tyres

 

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