Projekt Damavand

8 Tage Thailand, 799€ inkl. Flug ab Wien“ – Ein Werbeplakat erregte kürzlich in der U-Bahn Station meine Aufmerksamkeit. Acht Tage ausspannen? Urlaub mit Sandstrand, blauem Meer und Cocktails unter Palmen schlürfen? Hört sich nach einem guten Plan an. Doch ich befand mich gerade auf dem Weg zur Iranischen Botschaft, um unsere Visa für die anstehende Reise abzuholen. Und was uns dort erwarten sollte, war zu diesem Zeitpunkt nur vage Vermutung.

„Aber schau den Frauen auf keinen Fall direkt in die Augen. Da könnte es Probleme geben!“, meinte Clemens heute Morgen noch warnend, als wir das Flugzeug verlassen. Doch wenige Stunden später, als wir uns zum ersten Mal in das Straßenleben von Teheran mischen, scheinen jegliche Berührungsängste und unbegründeten Vorurteile verflogen. Als wir aus der U-Bahn aussteigen, sind wir um 20 Handynummern reicher. Denn jeder will uns weiterhelfen, uns zum Essen einladen und uns über Europa ausfragen. Es ist unglaublich, wie warmherzig und mit welcher Offenheit wir empfangen werden!

Biken in atemberaubender Kulisse

Biken in atemberaubender Kulisse

Wir, das sind Lukas, Clemens und Ich, Moritz. Drei Studenten auf der Suche nach Abenteuer und unbekannten Trails. Unser Plan ist es, den Mount Damavand zu befahren. Mit 5671m ist er nicht nur der höchste Berg im Iran, sondern auch der höchste Gipfel im Orient. Lange haben wir uns darauf vorbereitet.

Doch weil wir uns dem Gipfel nicht unakklimatisiert stellen wollen, steht noch vor dem Damavand der Tochal auf dem Programm. Vom fast 4000m hohen Hausberg Teherans soll sich Erzählungen zufolge ein flowiger Trail, inmitten hochalpiner Landschaft ziehen.

Nach einem dreitägigen, äußerst kräfteraubenden Aufstieg stehen wir schließlich wirklich auf dem Gipfel des Tochal. Die Höhe spüren wir schon deutlich, geben aber trotzdem ordentlich Gas in der Abfahrt. Wie ein weißes Band zieht sich der Trail, immer gut fahrbar, nach Teheran hinunter. Doch einen Sturz will hier keiner von uns hinlegen. Die warnenden Worte eines Hüttenwirtes am Vortag haben wir noch im Kopf. „Es ist euer eigenes Risiko. Hier ist die Nummer vom Rettungsdienst. Wenn ihr Glück habt, könnt ihr die im Notfall erreichen. Wenn ihr richtig großes Glück habt, finden die euch da draußen! Aber ein Gewinn in der Lotterie ist wahrscheinlicher…“. Nichtsdestotrotz erreichen wir schließlich zum Sonnenuntergang wieder Teheran.

Ortswechsel. Nach zwei Tagen in Teheran steigen wir in Rhiney, einem kleinen Ort am Fuße des Mount Damavand aus unserem Taxi.  Eisiger Wind weht uns entgegen, als wir die Bikes im Camp gemeinsam mit Hüttenwart Agba auf Maultiere verladen. Die sollen uns den Aufstieg ins oberste Camp etwas erleichtern.

Endlose Weiten, Erstbefahrung inklusive

Drei Tage später stapfen wir mit unseren Bikes auf rund 5000m durch knöcheltiefen Schnee, und mir fallen Agbas Worte wieder ein. „This year, the weather is not like usual!“, meinte er zum Abschied. Und das müssen auch wir einsehen. Eingehüllt in einen dichten Schneesturm müssen wir uns dem Drachenberg schließlich geschlagen geben. Das lose, schroffe Vulkangestein und der Schnee machen die steilen Flanken des Damavand unfahrbar. Und so fahren wir am Tag unseres geplanten Gipfelsturms schon verfrüht zurück ins letzte Höhenlager.

Hier löffeln wir wenig später sichtlich niedergeschlagen Linseneintopf. War unser Projekt, den Gipfel des Drachenberges zu befahren, zu ehrgeizig? Waren wir nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Ich versuche es in meinem Kopf auf das Wetter zu schieben. Eine unbekannte Hand klopft mir auf die Schulter, als ich mir gierig ein Stück trockenen Fladen in den Mund stopfe. Es ist einer der einheimischen Bergführer. „Irgendwo ist es auch ein Teil vom Alpinismus, dass du umdrehen kannst, wenn Risiko und Ertrag nicht mehr in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen…“, meint er. Und irgendwo hat er wahrscheinlich Recht. Die Falten im braun gebrannten Gesicht sprechen für seine Erfahrung. Nach über einem Jahr Planung, hunderten E-Mails und zig Stunden Telefonaten sind wir mit unserem Projekt gescheitert. Zumindest auf dem Papier. Denn auch wenn wir nicht mit den Bikes am Gipfel waren – ein Abenteuer haben wir allemal erlebt.

Gesammeltes Equipment

Gesammeltes Equipment

Der Nächste Morgen zaubert uns allen ein breites Grinsen in die Gesichter. Die Abfahrt aus dem obersten Höhenlager ins Tal ist zwar an manchen Stellen äußert verblockt und mit schroffem Vulkangestein gepflastert. Doch über die Jahre haben Maultierhufe und Wanderschuhe hier einen über 1000 Höhenmeter langen Trail von Weltklasse ausgetreten. Und so ziehen wir, begleitet von unzähligen spontanen Freudenschreien, dickerer Luft entgegen.

Die letzten Tage unseres Aufenthaltes verbringen wir mit der lokalen Bikeszene. Unweit von Teheran haben unser Freund Reza und seine Jungs offizielle Trails gebaut. Und die sind nicht nur unglaublich flüssig zu fahren, sondern auch  dermaßen staubig, dass es regelrecht zwischen den Zähnen knirscht! Mit ordentlichem Tempo heften wir uns an die Hinterräder der Locals. Im Anschluss gibt es zur Feier des Tages gekochten Schafskopf.

„…and, will you come back to Iran…?“ Plötzlich herrscht gespannte Stille in der Runde. „Man, that’s for sure! Such an amazing country!“, platzt es aus mir heraus. Irgendwie haben wir das Gefühl, als würde jeder hier nur wollen, dass wir mit einem guten Bild von diesem Land wieder zurück nach Europa fliegen. Nach drei Wochen Reise sitzen wir schließlich, mit einem Becher Tomatensaft in der Hand, wieder im Flugzeug nach Hause.  Und das Bild, das wir zuvor von diesem Land hatten hat sich stark gewandelt.

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