Wandern oder Bikepacking, das ist hier nicht die Frage.

Kopf zu und Augen auf, die Kunst des Hike-a-Bikes.

“Bon Courage” ruft die Gruppe von Wanderern uns schon von weitem entgegen.Ich kann mir nicht helfen und begegne ihrem schon fast zu überschwänglichem Zuspruch nur mit einem schmalen und grimmigen Grinsen. Auf ihrer Höhe angekommen, trage ich mit eiserner Miene mein Fahrrad an ihren gaffenden Gesichtern vorbei und bin erleichtert als sie sich schließlich langsam wieder in Bewegung setzen, bergab. Für uns hingegen geht es schon seit Stunden nur noch bergauf und ich wage es nicht auf meinem GPS nachzuschauen, wie viele steinige Höhenmeter noch zwischen mir und dem heiß ersehnten Gipfel liegen. Harte Fakten kann ich in diesem Moment nicht gebrauchen, eher die Stimme von einem dieser hyperaktiven Motivationsgurus in meinem Ohr oder jemand der mir versichert, dass Aufgeben keine Schande ist.

Die Tour de Mont Blanc

Wir sind in Frankreich und umkreisen Europas höchsten Gipfel, den Mont Blanc mit dem Rad oder sagen wir eher, wir versuchen es. Die berüchtigte ‘Tour de Mont Blanc’ ist schon lange kein Geheimtipp mehr unter Mountainbikern, aber als Bikepacking-Strecke ist sie noch relativ unerprobt. Die Empfehlungen, die Strecke mit Vollfederung, Kreditkarte und einem leichten Rucksack bestückt von Berghütte zu Berghütte zu fahren, haben wir geflissentlich ignoriert. Den Bikepacken steht für uns für: Unabhängigkeit, dem Schlafen im Freien und auch für die Kunst mit einem niedrigen Budget unterwegs zu sein, um etwas zu erleben. Außerdem hat das mutwillige Ignorieren von Ratschlägen auch immer etwas wunderschön Rebellisches an sich, auch wenn sie in diesem Fall nicht von den Eltern stammen, sondern von einem renommierten Fahrradmagazin.
Die nächste Gruppe fröhlich zwitschernder Wanderer ist nicht weit und ich fühle schon jetzt meinen Neid in Wut umschlagen. Der Neid der in mir hochkocht, bei dem Anblick ihrer perfekt gepackten Wanderrucksäcke oder der durch das unermüdliche Klick’ und Klack’ ihrer Wanderstöcke auf dem felsigen Untergrund in mir ausgelöst wird. Doch am schwierigsten ist der Neid auf ihren geistigen Überblick zu ertragen, mit dem sie die richtige Ausrüstung für diese Wanderung gewählt haben. Doch ich will mir vor ihnen nicht die Blöße geben und als sie an mir im zügigen Gleichschritt vorbeiziehen, lasse ich mir nichts von meiner Krise anmerken.

Die Fassung bewahren ist eine der größten Herausforderung

Nach stundenlanger, schweißtreibender Schwerstarbeit erreichen wir schließlich den Höhepunkt des Gebirgspasses und ich unerwartet auch einen neuen emotionalen Tiefpunkt. Ein flüchtiger Blick auf die andere Seite entblößt eine steile und steinige Abfahrt, immer wieder unterbrochen von ca. 20cm hohen Barrikaden, die die Erosion des Wanderweges durch starken Regen verhindern soll und uns davor diese hart erarbeitete Abfahrt zu genießen. In der Hoffnung bei dem Anblick des unmöglich-fahrbaren Wanderweges nicht komplett meine Fassung zu verlieren, verzichte ich auf eine ausgiebige Rast, stopfe mir stattdessen nur eine Handvoll Nüsse in den Mund und mache mich daran, mein Rad wieder bergab zu manövrieren, schiebend versteht sich.
Meine Pedalen, die sich dabei immer wieder in die Rückseite meiner Wade graben, ist nur noch die sadistische Endpolitur dieses Trips. Trotzdem machen wir weiter, an diesem Tag und auch am Nächsten. Wir reden darüber aufzugeben, aber die Entscheidung fällt nicht leicht bei dem Anblick des Berges, der mit seiner weißen, schillernden Schneekrone wie ein König über den anderen thront. Also schieben wir sie immer wieder heraus und versuchen es jeden Tag aufs Neue, hoffen auf wenigstens einen fahrbaren ‘Downhill’ und trösten uns solange mit der atemberaubenden Landschaft die sich uns entlang der Strecke bietet.

Boot-Camp Mentalität statt Urlaubsstimmung

Ich schaffe es meine anfängliche Missstimmung mit einer radikalen Boot-Camp Mentalität zu ersetzen. Die ‘Tour de Mont Blanc’ als Trainingslager, anstelle eines Urlaubs. Wenn wir abends erschöpft im Zelt liegen, brennen uns die Waden und krampfen die Arme von dem ganzen Schieben, Heben und Tragen. Und trotz allem sind wir, zu unser eigenen Überraschung, am Ende des Tages auf eine masochistische Weise zufrieden.

Vier Tage lang hieven wir unsere Räder mühsam die Berge hoch, nur um sie anschließend auf der anderen Seite wieder hinunter ins Tal zu tragen. Und dann doch, am letzten Tag kurz vor Chamonix treffen wir die ersten Mountainbiker auf der Strecke. Vier junge Männer aus England, die alles richtig machen wollen, mit Vollfederung und mit nur einem kleinen Rucksack im Gepäck. Aber auch ihnen tropft der Schweiß vom Kinn als sich unsere Wege kreuzen und ich erkenne in ihrem Blick wieder, was auch ich am ersten Tag empfand. ‘Man darf bloß nicht drüber nachdenken’ – erklären die vier ihre Taktik, nachdem wir ein bisschen über die Route ins Plaudern kommen. Schnell wird noch ein wenig amüsiert unsere fehlende Federung kommentiert und unser relativ schweres Gepäck beäugt und dann trennen sich auch schon die Wege. Für sie geht’s bergauf, für uns bergab ins finale Ziel.

Wandern oder Bikepacking, das ist hier nicht die Frage.

‘Kopf zu, Augen auf’ – ist auch unser ganz persönliches Fazit der ‘Tour de Mont Blanc’.
Wer erfolgreich verdrängen kann, dass es wohl eine weisere Entscheidung gewesen wäre, anstelle des vollbeladenes Fahrrades den leichten Wanderrucksack auf diesen Fußmarsch mitgenommen zu haben, wird trotz allem vielleicht eine gewisse Freude an dieser sonst landschaftlich spektakulären Tour finden. Empfehlen tun wir sie allerdings nicht.

Written by Franzi from Tales on Tyres

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